Ardeche 2004

Ziel:

Ardeche

Cargassonne/Südfrankreich

 

von Donnerstag, dem 22.7. bis Sonntag, dem 25.7.2004

 

Geplant war ein Flug nach Tschechien und Slowakei, allerdings schien die Rückkehr am Sonntag schwierig zu werden. Daher wurde schnell ein Plan B aktiviert und Südfrankreich als Ziel ausgeguckt. Die Entscheidung erwies sich nicht nur aus Wettergründen als glücklich.

Vom Sammelpunkt Speyer starten am Donnerstag nachmittag sieben Maschinen, vier RF5, eine RF 4, eine Grob 109B und eine Taifun, um 14:15 Uhr und fliegen zuerst Schweighofen an, weil sich noch zwei weitere Flugzeuge anschließen wollen. Leider muss die eine Maschine wegen technischer Probleme am Boden bleiben, so dass eine zweite RF4 den Verband verstärkt, es sind nun eine Teilnehmerin und zwölf Teilnehmer, die westlich der Vogesen nach Besançon/Thise zum Tanken fliegen (300 km, 1:55). Unter der Woche empfiehlt sich, unbedingt Epinal-Polygone wegen Militäraktivitäten zu rufen, man wird gut geführt und weitergereicht. So hat man z.B. die Gelegenheit, mit „Cascadeur“,  ebenfalls eine Militärwachfrequenz, zu sprechen. Luxeuil-Tower lässt uns sogar über einer landenden Mirage die Bahn kreuzen! Viele Beschränkungs- und Tieffluggebiete können einem auch die Lust verleiden. An diesem Tag wurde auch wirklich militärisch geübt. Am Nachmittag wurden wir von einem Lotsen fürsorglich und großzügig um ein Atomkraftwerk geleitet, da neuerdings alle französische Meiler mit einer 5 Meilen Flugverbotszone „geschützt“ sind. Also, Kommunikation ist ganz hilfreich und so beruhigend, wenn man sich auf das Wichtige beschränkt. Die Strecke nach Pont St. Esprit führt uns westlich an Lyon (auch mit denen sprechen) vorbei. Im Rhônetal machen wir die Erfahrung, dass es nicht nur einen Mistral gibt, der bekanntlich von Nord nach Süd düst, sondern auch einen ebenso starken Südwind. In jedem Falle glauben wir unseren Augen kaum, als unsere GPS uns satte 70 km/h Gegenwind anzeigen!

Entweder hatte ein Blitz kräftig eingeschlagen oder ein weniger himmlisches Eingreifen hatte einen Brand ausgelöst, jedenfalls sind drei Löschflugzeuge im Einsatz und nehmen unter uns Wasser aus der Rhône auf. Die Brücke zum Heiligen Geist erreichen wir gegen 20:30 Uhr (352 km, in 2:35). Es ist kein Mensch am Boden, so landen wir selbständig, „Autoinformation“ nennt man das, und bauen gleich unsere Zelte auf. Die Taxifahrerin kennt den etwas umständlichen Weg zum Flugplatz auch nur, weil ihr Vater Flieger war. Allerdings braucht man nicht unbedingt ein Taxi, um zu einem Restaurant/Hotel oder in die Stadt zu gelangen, die höchsteigenen Füße schaffen es gut in zwanzig Minuten. Man geht durch einen der Brückenbögen, steigt auf der Südseite die Treppe hinauf, wendet sich nach Osten, am Ende der Brücke nach rechts und knapp 50 Meter entfernt findet sich ein passables Hotel mit einer Patronin, die sich durch das Auftauchen von 13 Überraschungsgästen, mehr durstig als hungrig, gegen 22 Uhr nicht aus der Ruhe bringen lässt und für 11 Euro ein 3-Gänge-Menü auf den Tisch stellt.

 

Pont St. Esprit, an der Rhône gegenüber der Ardèche-Mündung gelegen, ist ein 950 m langer Gras-, eher Sandplatz. Bis vor einigen Wochen war der Platz meterhoch mit Schlamm bedeckt. Da das Feld im Überschwemmungsgebiet des Flusses liegt, baute man einen Damm, um eben dies zu verhindern. Prompt bricht der, und sieben Flugzeuge gehen über den Jordan. Was soll man dazu sagen. Jedenfalls ist durch die Sedimentierung der Boden knüppelhart. Für die Heringe braucht man also einen richtigen Hammer.

Am Freitagmorgen werden wir von einem Bus von Viking Bateaux abgeholt und zum Vallon Pont d'Arc gebracht. Vorher decken wir uns in einem Supermarkt mit Lebensmitteln und Getränken ein, da es auf der ganzen Flussstrecke keine Einkehrmöglichkeit gibt. An Getränken sollte bei warmem Wetter nicht gespart werden. Die mitgegebenen wasserdichten Tonnen sind groß genug, um alles zu verstauen. Wir wählen die 24 km (mittel-)lange Strecke und sind von 10 bis 17:30 Uhr unterwegs, mit einigen Pausen, die man aber auch braucht, denn 24 km können sich ziehen, vor allem, wenn man nicht weiß, wo man sich gerade aufhält. Da die Fließgeschwindigkeit nicht sehr hoch ist, es sei denn an den kleinen Stromschnellen, müssen wir ganz schön paddeln. Auch wenn man es schafft, nicht ins Wasser zu fallen, kann das Boot schnell volllaufen. Für Raucher empfiehlt sich die Mitnahme einer wasserdichten Box, um die Glimmstengel vor dem Absaufen zu bewahren. Der Kanute trägt eine Schwimmweste. Zum Kentern kommt es ganz einfach. Wenn z. B. ein neunjähriger Junge in der Fahrrinne, zwischen Ufer und Felsen zwei Meter Abstand, steht, um mit wissenschaftlichem Interesse den Verkehr zu beobachten, hat man die Möglichkeit den kleinen Drecksack zu versenken und anschließend von den Eltern gesteinigt zu werden, oder man kann, nachdem man die Situation begriffen hat, in letzter Sekunde um den garagengroßen Felsen wie dummelig versuchen herumzupaddeln, um auf die andere Seite zu gelangen. Da dies aber eine eher theoretische Alternative ist, knallt man gegen den Felsen und - bumms - ist man zum Eskimo mutiert, nur das Wasser ist wärmer. Anschließend ist das Kind zu erschießen, wenn das Pulver noch trocken wäre. Da das Gott sei dank auszuschließen ist, paddelt man, nachdem man sich wieder ins Kanu gehievt hat, mit konstruktiver Aggressivität der nächsten Stromschnelle zu.

Ein Lob ist unbedingt unserem Verleiher Viking Bateaux zu zollen. Die Einweisung war freundlich und auf deutsch, für jedes Teil, das wegschwimmen kann, ob Brille oder Mütze, gibt es eine Schnur, und wenn man keinen anständigen Knoten hinkriegt, wird auch der noch geknüpft. Die Boote sind in einwandfreiem Zustand. Das ganze Unternehmen, inklusive Shuttle vom und zum Flugplatz, kostete 21 Euro pro Person. Mehrere andere Unternehmen waren an dem Auftrag nicht interessiert. Unter www.canoe-france.com ist weiteres zu erfahren. Einige Tips noch: an Sonnencreme nicht sparen; wenn empfindlich, lange Hosen anziehen; für Perfektionisten: von zu Hause eine Flusskarte mit­bringen.

Am Abend ist Claude zur Stelle, Mitglied des Aero Clubs, Winzer und Inhaber der Schlüssel von Clubheim (Kühlschrank! Alle Getränke ein Euro) und Tankstelle, so dass wir tanken (1.30 der Liter)(Zelt hinter der Fläche aufbauen). Am Samstag morgen ist er wieder da, aber kaum zu erkennen: Freitag abend in elegantem Chefarzt-Weiß, Samstag in Arbeitskluft. Mitgebracht hat er Pulverkaffee und schon Wasser aufgesetzt, ohne einen heißen Kaffee könne der Tag nichts werden. Die Toilette mit fließend Kaltwasser ist auch schon offen (Danke, Claude). Nach einer erfrischenden Rasur, das Zelt ist im kräftigen Mistral (pünktlich um 4:10 Uhr eingesetzt) mühsam eingepackt, der Schlafsack mit seiner Aufblähtendenz ins Säckchen geboxt, 20 Minuten zum Spitzenfrühstück (5 Euro ) hin- und wieder zurückgelaufen, starten wir um 10:50 bei 20 Knoten auf die Bahn. Über Ruoms und Millau geht es nach Carcassonne (250 km, 1:40). Beim Flug über die Ardèche können wir uns noch einmal selbst bewundern, die 24 Kilometer geschafft zu haben. Interessanterweise hat sich der befürchtete Muskelkater nicht eingestellt. Sportfliegen muss wirklich Sportfliegen sein.

Um 12:30 Uhr landen wir in Carcassonne mit 20 Knoten jetzt aus Westen (nicht über die Stadt fliegen, kein wichtigtuerisches ten-miles-out melden). Der Platz ist ein richtiger Airport, nämlich mit Ryanair traffic, dennoch darf man über das Vorfeld laufen, ohne etwas zu bezahlen oder verhaftet zu werden, sympathisches Frankreich. Landung und Parken für 24 Stunden kosten 8,14 Euro. Vor dem Terminalausgang gibt es eine Tankstelle und im rechten Winkel davor eine Straße, die man entlang läuft, dann nach links am Supermarkt vorbei, unter der Brücke durch, und da stehen auch schon drei Hotels (sieben Minuten Fußweg), 40 Euro  das Doppel- oder Trippelzimmer, 6 Euro das Frühstück, 60 Cent irgendeine Steuer. Günstig ist es, wenn man wie wir gegen Mittag kommt, dann gibt es noch Zimmer (z.B. www.etoile.fr.st). Für zwei Euro pro Kopf kommt man mit dem Sechsertaxi in die „ Cité médievale“, die aussieht, wie von Disney dahin gesetzt, aber tatsächlich aus dem 13. Jahrhundert stammt, in Teilen sogar zweihundert Jahre älter ist, und von Viollet-le Duc im 19. Jh. mit leichthändiger Phantasie restauriert wurde. Der Rummel und die Event-Gastronomie halten sich in Grenzen, ab und an weht einen Posaunengetröte von den Ritterspielen an. Für Leute, die dreimal den Schwarzen Prinzen gesehen haben und/oder Kinder im ritter- und prinzessinnenfähigen Alter mit sich rumschleppen, ein Must. Man kann die lieben Kleinen auch ziemlich preisgünstig mit vollem Harnisch inklusive Bewaffnung plastikmäßig dauerhaft einkleiden. Vom ersten Haus am Platze kann man sich verwöhnen lassen, die Suite für 900 ¬. Für 1/900 davon bringt einen der City Bus in die Unterstadt. Man läuft z.B. etwas durch die engen Gassen, kann auch einen Turm besteigen und von dort schauen, ob das Flugzeug noch richtig steht, und dann zum Canal du Midi, wo es in Höhe des Bahnhofs (Taxis!) das Bistro Aristide gibt, jugendstilerisch wie der Train Bleu in Paris oder eine Wiener Kaffeehalle. Die Andouillette grillée ist nur etwas für eingefleischte Authentizisten, alles andere essbar.

Für den Heimweg entscheiden wir uns, nicht ohne Grund, aber dummerweise über Figeac zu fliegen (165 km). Es gibt nicht genug Sprit, Total hat noch nicht geliefert. Ussel erklärt sich bereit, uns sofort zu betanken. Wir sind ein bisschen im Druck durch die Verzögerung, der Gegenwind ist stark, und einige Heimatflugplätze machen um 20 Uhr dicht, und dann wird die Spätabfertigung teuer. Unser Land hat schon katastrophale Regelungen. Wir düsen also nach Ussel (108 km) Monsieur isst noch schnell fertig. Inzwischen schauen wir uns in den Hallen um, viele Fox Papa-Zulassungen, also Selbstbauer. Das scheint in Frankreich die Zukunft zu sein, vieler Auflagen ledig. Von Ussel geht es auf verschiedenen Wegen zurück nach Deutschland. Einige tanken noch einmal in Besançon, andere gehen über die burgundische Pforte ins Rheintal, andere fliegen über Dijon und Epinal zur Grenze, das sind etwa 580 km (3:15)

Das war's. Ein spontaner Flug, aus der Not, nicht aus der Verlegenheit geboren. Etwas über 2000 Kilometer bei 12 Stunden Flugzeit mit starkem sportlichen und kleinerem kulturellen Akcon. Es war schön mit den Freunden und der Freundin wieder etwas unternommen zu haben. Man schwätzt eine Menge zusammen, und einiges ist auch wirklich wichtig. Fliegerisch hat man Erfahrung gewonnen. Für fünf Landungen waren 8.14 Euro zu bezahlen, ein guter Schnitt. Es gab keine Quaken mit einem Beauftragten für irgendeine Aufsicht, wir sind alle über 18. Wer ist das nur, fragt man sich manchmal, der sich auf den Turm setzt. Aber solange deutsche PPL-er auf einem deutschen bewachten, will sagen: unkontrollierten Platz sich nicht entblöden, Anlass- und Rollfreigaben zu requesten, solange kann es mit unserem Land nix werden, und das heißt auf beiden Seiten. Aber lassen wir es versöhnlich ausklingen: Schön, dass wir einen Nachbarn wie Frankreich haben, in dem Fliegen aus deutscher Sicht betrachtet so herrlich easy ist, vergessen wir einmal die vielen Tieffluggebiete. Wenn man die Airbases ruft, ist auch das kein Problem. Was mir aber überhaupt nicht in den Kopf enoi will, ist, warum so selten Landegebühr zu bezahlen ist und warum es ohne die ominösen Beauftragten so gut geht.

 

Die Teilnehmer danken Patrick Faucheron, für die Organisation dieses wundervollen Fluges.

Lothar Kötter, July 2004

 

 

 

 

 

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