Türkei 2004
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Ziel:
Türkei bis Kappadokien
Reisender, was willst du?
Je veux voir. (Victor Hugo)
Je veux voler. (CFI
Der CFI – Flug 2004 in die Türkei
vom 19. bis 30. Juni 2004
„England ist keine Insel mehr“, so kommentierte der Daily Express 1909 Bleriots Flug über den Ärmelkanal. Afrika ist keine Insel mehr, das konnten die Teilnehmer des CFI-Fluges 2003 in ihre Flugbücher schreiben. Unser Ziel war eigentlich bescheidener: al Mamlaka al- Magribiyya, das Königreich Marokko. Dennoch fühlte wohl jeder in seinem kleinen Cockpit das Besondere des Augenblicks, als wir das Mittelmeer bei Gibraltar überquerten und in Afrika landeten. Das war schon etwas anderes, als in Europa unsere Nachbarn zu entdecken. Zum erstenmal hatten wir unseren Kontinent Europa verlassen, um in einem anderen Kontinent, Afrika, zu fliegen. What comes next? fragt man sich da schon. Nun, erst einmal das Jahr 2004 und dann der nächste CFI – Flug. Als der Nebel sich langsam über manchem Traum verzog, schälte sich die Türkei als Ziel heraus. Einige schreckte das, unvergessen der fehlgeschlagene Versuch vor einigen Jahren, das Schwarze Meer zu erreichen. Die Steilküste der Adria war auch nicht verlockend. Wenn nicht über Italien, mussten wir es über Ex-Jugoslawien versuchen. Was bei der Planung vielleicht gar nicht so eine Rolle spielte: Die Überquerung des Goldenen Horns würde das Erreichen eines neuen, dritten Kontinents bedeuten: Asien. Sicher, dass die Türkei aus diesem Teil besteht, und zwar zu 97%, wussten wir schon. Aber da es nichts Vergleichbares zu der Straße von Gibraltar gibt, bestand der Flug im Bewusstsein aus einem Teil. Im Vordergrund stand eher die Besorgnis, was ist bei einem technischen Defekt, der uns an den Boden zwingt? Was, wenn die Maschine beschädigt ist oder wird? Und muss auf dem Landweg zurückgeholt werden? Was nie ein Gesichtspunkt bei der Auswahl der Ziele und der Planung war, das ist das olympische Motto des „citius, fortius, altius“. Es ging und geht uns nur um das Gewinnen. D.h., heil wieder zu Hause anzukommen. Fast zwangsläufig ergab sich im Laufe der Jahre, dass die Kreise sich erweiterten, will man nicht eine Variation des Immergleichen abfliegen. Es gibt eben kein Ankommen, der Weg ist der Thrill, und unsere Touren sind ein kleiner Beleg der Chatwinschen These des Nomadischen in uns. Für den winzigen Zeitraum von vielleicht zehn (!) Tagen brechen wir die elende Berechenbarkeit des Alltäglichen auf, um aus diesem Spalt heraus die Ahnung des Unwägbaren – bei aller Planung – zu kosten, ein süßes Gift, das schon süchtig werden lässt und uns jedes Jahr antreibt. Mag sein, dass dies auch wieder nur eine Form von Spießigkeit ist. Sei's drum, dann sind wir's gern. Wasser im Vergaser, Zündaussetzer, Ausfall der Benzinpumpe, niemand braucht das. Aber es ist schon ein Unterschied, ob einem das 30 km von der Platzrunde entfernt zustößt oder 3000.
2004 sollte es nun die Türkei sein. Bei der Jahreshauptversammlung in Altlussheim am 6.März wurde das Ziel vorgestellt und auch im Internet veröffentlicht. Dreizehn Besatzungen erklärten ihre Bereitschaft zur Teilnahme, eine gute Gruppengröße. Jetzt begann die Planung.
Das Land ist groß, zehn Tage wenig. Von der Idee, am Ararat zu fliegen, musste Abschied genommen werden.
Aus den Internet-Recherchen, wie es denn um die Fliegerei in der Türkei bestellt ist, ergab sich ein Kontakt, daraus folgte der nächste und so fort. Aus Anfragen bei den ins Auge gefassten Plätzen ergaben sich weitere Kontakte, auch über die Administration hinaus. Eine Route entwickelte sich und musste wieder verworfen werden. Die Versorgung mit Sprit musste unbedingt gewährleistet sein. Lange Zeit war die Route im Fluss, aber dann stand sie und wurde auch so geflogen:
von den Heimatplätzen nach Wiener Neustadt (Ü), Szeged, Skopje (Ü), Kavala, Xanthi (Ü), Hezarfen (Ü in Istanbul), Ankara, Nevsehir (Ü in Ürgüp), Isparta, Izmir (Ü bei Efes), Samos, Ikaros, Korfu (Ü), Lavallo (Ü), Sabaudia/ Siena, Massa, Cremona (Ü), Leutkirch. In Italien erzwang das Wetter eine Änderung.
Mittwoch, der 19.5.2004
Worms 1430 Schärding 1830
Schärding 1645 Wiener Neustadt 1945
2:15 / 395 km 1:15 / 218 km
Einmal im Jahr greift Petrus zuverlässig in die große Wetter-Lostrommel. Stand der Wind am Dienstag noch auf West, drehte er pünktlich am Mittwoch auf NO und schob kräftig in Richtung Schärding und Wiener Neustadt. Für die 400 km von Worms reichten gut zwei Stunden bis zur österreichischen Grenze, ein Schnitt von 175 km/h bei 12l/h. Das musste der Beweis sein, Petrus hatte sein unsichtbares Händchen ins Spiel gebracht. Dafür waren die Sichtverhältnisse bei dem Hochdruckeinfluss nicht ganz so toll. Seit dem 1. Mai hat sich die Strecke Berlin-Wien erheblich verkürzt. Michael muss sich in seiner RF 3 nicht mehr ganz so lange zusammenfalten. Von Frankfurt nach Wien ist es weiter.
Lagen die Türken einst vor Wien, so haben die Grünen inzwischen Wiener Neustadt erreicht: Es gibt eine „grüne“ Landung, was sich auf die Landegebühr auswirkt. Es bleiben aber immer noch 7 Euro. Zu bedauern ist, dass Sprache sich nicht wehren kann. Wenn es nicht der Wahnsinn wäre, müsste das Adjektiv „grün“ bis an die Zähne bewaffnet sein. Wir aber sind bleifrei unterwegs und brauchen keine schusssichere Weste. Wer Wiener Neustadt anfliegt und den Pulverturm sucht, sollte einen hochgestellten Schuhkarton anpeilen und seine Turmvorstellungen aus dem Schiebefensterchen werfen. Im angesagten Anflug aufgeregt Herumirrende werden vom Turm souverän beruhigt, wenn z.B. gerade eine Cessna entgegen startet. Nach dem Verzurren kann man auf dem Weg zur Pension Steinfeld eine Phalanx von Dimonas abschreiten, die, hübsch aufgereiht, auf die Globalisierung, sprich den Weltmarkt warten. Abends, beim Riesenwienerschnitzel, brieft Patrick für den Donnerstag. Start 930 (ATD 955!). Morgen wird es spannend, was Strecke (über 900) und Spritversorgung angehen. Christian lässt sich von seiner Euphorie hinreißen und singt das hohe Lied vom dompteur-organisateur-professeur. Dabei sind wir erst in Österreich. Weiß der Himmel, welches Adrenalin ihn da reitet. Für die Stimmung ist es gut, aber morgen haben wir eine 600 km-Strecke, und wenn der Wind nur ein bisschen schief weht und der Controller auf dem Abfliegen der Airways besteht, sitzt bestimmt jemand auf dem Acker oder im Knast. Erst wenn wir alle in Skopje sicher aufschlagen, kann zum erstenmal durchgeatmet werden.
Was noch geschehen ist:
Deutschland scheitert mit der Bewerbung Leipzigs für die Olympischen Sommerspiele 2012.
Ottmar Hitzfeld verlässt Bayern München zum Saisonende.
Der Bundeskanzler wurde geohrfeigt.
Donnerstag, der 20.5.2004
Wiener Neustadt 0955 Szeged 1415 Skopje 1845
Szeged 1145 Skopje 1855 Stankovec 1855
1:50 / 345 km 3:00 / 575 km 10' / 25 km
Wenn der Flug wie das Frühstücksbüffet abschnurrt, dann kann nix schiefgehen: einfach perfekt. Um 8:30 sind alle am Flugzeug, aber dann braucht der Zoll mit seinem PC furchtbar lange, um uns einzuchecken. Dazu kommt das elend großzügige Vorfeld, so dass wir erst um 9:55 in der Luft sind (diesesmal ist es nicht der CFI eigenen Tranigkeit geschuldet). Der Wind weht kursidentisch, Bayernhimmel bis zum Horizont. Fix ist der Balaton erreicht, ein Stündchen ungarisches Tiefland und Puszta, über die Donau gesprungen, und wir sind in Szeged, einigen von uns wohlbekannt. Jetzt kehrt Ruhe ein. Rollen wir rechts oder links vom Hubschrauber (Rettung), rechte oder linke Zapfstelle, rechts oder links vom Schlauch? Fragen über Fragen. Wir stehen perfekt, nein, doch nicht. Kakanisch perfekt ist etwas anderes. Die Hubschrauberleute wollen es perfekterer. Ungarische Überhöflichkeit. Der Hubschrauber, ein riesen Ding, disloziert gefühlte 42 m, Gefahr für Hauben und andere bewegliche Teile. Wir schieben weg und wieder hin. Das Tanken beginnt, die Zeit verrinnt. Warum haben wir mit Flugplan unser Kommen eigentlich avisiert? Viktor rollt zwischen zwei Antonows, und eine kleine Ablösung drückt die rechte Fläche auf den Boden, dabei gibt das Stützbein seinen Geist auf. Beim Auswechseln ist schweres Gerät gefragt. Uwe schwingt siegfriedmäßig Lothars 750 gr-Hammer. Dann ist auch das erledigt, 5 Euro für die Landung, 10 für den Zoll bezahlt, so dass wir nach KEROP düsen können. Vor Wochen hatten wir von Belgrad die Freigabe für den Überflug erhalten: P192 – NEPOS – L 617 – RAXAD. Das sieht easy aus, ist es aber leider nicht. Man braucht die aktuellen Karten, weil die Strecken oft geändert werden. Im Westen ist immer noch die Flugverbotszone. Manche Strecken sind im unteren Luftraum nur in einer Richtung zu befliegen. Mag Deutschland in großen Teilen eine Servicewüste sein, AIS Frankfurt-Rödelheim gehört nicht dazu. Sicher, die Einrichtung ist an 7 Tagen 24 Stunden im Dienst, dennoch, ob 2. Weihnachtsfeiertag, Silvester oder nach 22 Uhr, immer waren die MitarbeiterInnen freundlich und hilfsbereit, und ihre eigene Arbeit ist ja auch nicht gering. Wir haben so viele Stunden dort verbracht, dass wir das gut beurteilen können. Man muss es klar sagen, ohne AIS geht nichts. Die Informationen sind goldwert. Zurück nach Ungarn. Auch wenn der Wind gütig ist, wir müssen kürzen. Von ferne sehen wir KEROP virtuell, und schon drehen wir auf P192, dann taucht rechts Belgrad im Dunst auf, weiter geht es nach Nis, aber RAXAD ist zu weit im Osten. Wir requesten die Autobahn nach Skopje, die läuft im Tal, Kukavice im Westen und Krajiste im Osten sind zu hoch, und nach Pristina will eh keiner. Kurz vor Skopje werden wir zum Warten aufgefordert. Wie sich herausstellt, wird die Fokker 70 des Ministerpräsidenten abgefertigt. Es entgeht ihm etwas, unsere Landung, aber dringende Regierungstermine haben Vorrang. Es gibt einige Zuschauer, die Passkontrolle geht recht flott voran. Unser Verbindungsmann hat gut vorgesorgt und begleitet uns in der PA28. Ein erfahrener Pilot der Luftwaffe, jetzt Berater für Sicherheitsfragen, brieft uns für den Flug und die Landung in Stenkovec, einem Grasplatz im NO von Skopje. Jeder bekommt ein extra für uns angefertigtes Anflugblatt. Der Platz wird von einem Club betreut, in den Hallen stehen einige ULs, eine abgefackelte An2 steht im hohen Gras. Sie sieht schon sehr traurig aus, aber im Angesicht des CFI lässt wohl jeder die Flügel hängen. Die Mitglieder haben 600m der Bahn frisch gemäht. Nach der Landung beginnt sofort das Tanken aus Fässern. Das ist mühselig und langwierig, weil erst in Eimer zum Abmessen umgefüllt werden muss. Um 20 Uhr beenden wir das, weil es sonst zu spät werden wird, und fahren mit Taxis zum Hotel. Wir kurven ausgiebig durch die Stadt. Auch wenn es um die wirtschaftliche Situation Mazedoniens im Augenblick nicht so gut steht, man merkt, es ist die Hauptstadt, das abgegriffene Wort vom pulsierenden Leben, hier trifft es zu: viel Autoverkehr, die Straßen voller Menschen. Es vibriert. Vom Hotel ist es nicht weit zu unserem Restaurant. Dabei kommen wir an einer Reihe weiterer Restaurants vorbei, alle gut besucht. Es ist warm, vor den Häusern sitzen die Gäste unter Baldachinen im Freien, überall Musik, es wird getanzt. Gefeiert wird das Ende des hoffentlich erfolgreichen Schuljahres. Mazedonien gehört den Mazedonien, es gibt keine Touristen, also auch keine Touristenrestaurants. Alles ist auf eine sympathische Weise mazedonisch, der internationale Schrott ist verzichtbar. Die Preise sind erschreckend niedrig, eine Platte mit Kalbsmedaillons kostet 2 Euro. Wir bestellen wunderbare Vorspeisen und Salate sowie einen Grillteller. Neben hervorragendem Wein wird eine anderthalbmeter große Glassäule auf den Tisch gestellt, gefüllt mit Bier, das direkt gezapft werden kann, wenn auch mit viel Schaum. Das Bier bleibt aber interessanterweise immer frisch, wenn auch wenig haltbar. Das macht aber nichts, weil die leere Säule fix gegen eine volle getauscht wird. Alles zusammen macht dann 7.20 Euro für jeden. Dagegen wirken die 6.60 für die Landung happig, aber nur scheinbar, denn der Platz wurde nur für uns hergerichtet und der Sprit besorgt. Zu verdanken haben wir das unserem Kontaktmann Vlatko Popvski, der sich unseres Problems angenommen hat, denn in Skopje selbst hätte es keinen Sprit gegeben. Dass sich die Lage so erfreulich entwickelt, war vorher nicht zu sehen, die Kommunikation mit E-Mail, Telephon und Fax hat nämlich nicht immer reibungslos funktioniert. Revanchiert haben wir uns mit einem Funkgerät und Kopfhörern, die wir besorgt und für die Freunde mitgebracht haben.
Was noch geschehen ist:
Nix, weil nämlich Feiertag ist und es keine Zeitung gibt.
Freitag, der 21.5.2004
Stenkovec 1130 Skopje 1330 Kavala 1845
Skopje 1145 Kavala 1545 Xanthi 1900
2:15 / 290 km 15' / 35 km
Im Keller des Hotels ist der Frühstücksraum untergebracht, kein Büffet, alles wird einzeln vom Kellner gebracht, Toast, Marmelade, Tee. Kaffee ist extra und zu bezahlen (1 Euro). Die Anmutung ist ausgesucht höflich und vornehm. Der Inhalt sehr karg. Ein großer Tisch bietet wieder Gelegenheit die tapetengroßen TPC-Karten auszubreiten und mit leicht gebremster Aufgeregtheit Waypoints einzutragen, die sich dann meist als überflüssig erweisen werden, weil entweder der Controller etwas an uns ausprobieren will oder Patrick einen seiner berühmt-berüchtigten Spontaneinfälle hat. Das Schlimme ist, dass dies Einfälle meistens (meistens!) wirkliche Vorteile bieten. Das alles macht einen demütig, weshalb zu den Waypoints die verschiedenen Marker zur Markierung verschiedener Routen (eine Alternative hat noch nie geschadet) großzügig eingesetzt werden. Die TPC-Karten bieten viel Platz für diese Art von Graphik. Die Taxis sind dann auch irgendwann da. Einige entschließen sich zu einer Stadtrundfahrt mit Begehung der Altstadt. Währenddessen wird das Tanken fortgesetzt.
Anfangs der 60er Jahre wurde Skopje von einem gewaltigen Erdbeben heimgesucht. Der Bahnhof wurde in seiner Geborstenheit erhalten und zu einem Museum umgebaut. Das Altstadtviertel liegt an einem Hang und eher am Rande, gekrönt von einer mächtigen Moschee. Überhaupt scheint das Viertel muslimisch bestimmt. Beim Durchwandern der Gassen reist man Jahrhunderte zurück, ein lebendiges Museum, in dem traditionelles Handwerk gepflegt wird, einfache landwirtschaftliche Geräte werden angeboten, Schlosser und Spengler, Schreiner und Glaser arbeiten in ihren Werkstätten, auch Schmuck, Stoffe, ziemlich neueste Mode und Parfums sind zu haben. Das Leben geht meditativ und kontemplativ seinen Gang, Hektik gibt es nicht. Viele sitzen auf Hockern und Stühlen, und wenn sie nicht Tee trinken, reden sie miteinander. Ein einziger und einzigartiger Raum der Kommunikation. Mitten darin ein Ort der Ruhe, die große Karawanserei aus dem 16. Jh., die in ihrer Geschichte schon als Gefängnis (1880) und Armeedepot (1918) gedient hat. Jetzt sind im Innenhof, in den Gängen und den Räumen Gedenksteine, teils römischen Ursprungs, aus dem ganzen Land zusammengetragen. Was noch auffällt, ist das Bedürfnis, die Straßen und Gassen schön zu gestalten und sauber zu halten. Alle zehn Meter ein Abfalleimer, ein junger Mann spült den Sims ab und wienert die Fliesen blank, in einen handgebossten Sandsteintrog ist eine Pinie eingepflanzt, nirgendwo liegt auch nur das kleinste Fitzelchen Müll. Am Eingang, wenn man denn davon sprechen kann, dieses touristenfreien Viertels dröhnt in einem Straßencafé MTV-Techno aus einem Riesenbildschirm. Der Angriff der hirnfreien Moderne, aber er kommt keine fünf Meter weit. Wie intakt das Leben dort ist, wie lang es sich halten kann, wenn die Spezialtouristen einbrechen, das wird man sehen. Wir paar Männeken haben jedenfalls noch nichts kaputt gemacht. Noch ist es auch mühsam, dorthin zu gelangen. Lohnen könnte es sich allemal. Wir springen ins Taxi, fädeln uns in den brausenden Verkehr und fahren zum Flugplatz, wo inzwischen das Tanken beendet ist.
Der Start ist für manche schon nicht einfach. Auch wenn das Gras gemäht, der Boden hart ist, aber Golfrasen ist es nicht, auf keinen Fall in das hohe Gras geraten, was auch alle schaffen. Gut anderthalb Stunden dauert es dennoch, bis in Skopje alle Formalitäten erledigt sind. Mit SO-Kurs geht es zum Grenzpunkt DISOR, an einem See gelegen, dann aber nicht mehr zur VOR FSK, sondern nach Thessaloniki, von dort über die Seen Koronja und Volvi nach Rentina, die Küste entlang bis Kavala. Das ist ein Platz mit Militär, und tatsächlich müssen wir wegen eines Tarnanstrichgerätes, angesiedelt zwischen Noratlas und Galaxy, ins Holding. So ganz hat das die Controllerin auch nicht auf die Reihe gekriegt, aber wenn wir requesten, die Landung in eigener Regie abzuwickeln und uns das gestattet wird, meistens gibt es eine kleine Kapitulation vom Turm, stehen wir in kürzester Zeit mit perfektem Tankwagenabstand auf dem Vorfeld. Irgendwas sagt dem Turm, dass die beste Lösung ist, uns machen zu lassen. Wenn der Turm allerdings glaubt, es besser zu wissen, setzt ein geheimnisvoller kollektiver Funkausfall ein. Dreizehn Flugzeuge, wir waren ja auch schon mehr, können manchen Lotsen in eine heilsame Sprachlosigkeit treiben, was auch nur gut für ihn ist. Unsere „own separation“ ist, zugegeben, gewöhnungsbedürftig. Zu erinnern ist an die Lotsin in Tetuan, die streng – auf englisch und französisch – eine prompte Übersetzung unseres Deutsch-Gebabbels einforderte und nach der fünften vergeblichen Aufforderung entnervt aufgab. Es war aber auch sowas von kein Verkehr in Tetuan. Die Controllerin in Kevala war fixer und beugte sich der Macht des Faktischen.
Auf dem Vorfeld steht eine 737 der Aegeian Airline SX-BGY mit zwei Schwingen auf dem Leitwerk, zumindest hat der Kapitän die „B“, das ist beruhigend.
Bei aller Hilfsbereitschaft stellen sich dann in Kavala drei grausame Stunden Bodenzeit ein. Man kann es nicht begreifen.
Im Viererpack starten wir nach Xanthi, weil dort Backtrack gemacht werden muss. Der Empfang ist unglaublich, wir sind ein Volksfest, der halbe Ort ist auf den Beinen, der Bürgermeister begrüßt uns, viele Presseleute wuseln herum .Das Tanken ist mühselig, Sprit muss nachgeordert werden. Der Bus steht schon bereit. Vorher: Blumenübergabe, Rede und Gegenrede, Küsschen, Tanken, kleine Kinder im Cockpit, Familienphotos vor den Maschinen, überbordende Herzlichkeit, die sich im Laufe des Abends fortsetzt. Auf der ganzen Reise wird es eine solche Begeisterung nicht noch einmal geben. Mittendrin der Dolmetscher. Kein Flieger, sondern der Freund eines Fliegers. Er hat in Bonn Wirtschaftswissenschaften studiert, arbeitet jetzt als Lehrer und spricht ein wunderbares, fast schon untergegangenes Deutsch. Von vielem müsste die Rede sein: von Bürgermeistern, die anscheinend überall auf der Welt mit den gleichen Problemen ringen, vom Tabak (dem weltbesten, gäbe es nicht Virginia), von Thrakien in Vergangenheit und Gegenwart, von drei Fliegefreunden, die abwechselnd Präsident, Stellvertreter und Kassierer sind und irgendwie einen Flugplatz in Gang halten, von Großeltern, die ihre Rente in die Autos der Enkeln stecken und sie hemmungslos verwöhnen, die Enkel, nicht die Autos. Aber hier ist jetzt das Papier zuende, und deshalb müssen wir alle noch einmal nach Xanthi, um das alles genauer zu erforschen.
Was noch geschehen ist:
Die EU genehmigt genveränderten Mais.
Die Grenzkontrollen zur Schweiz sollen 2007 fallen.
Magath will in München das Maximale.
Der Schauspieler Carl Raddatz ist gestorben.
Samstag, der 22.5.2004
Xanthi 0730 Kavala 0850
Kavala 0745 Hezarfen 1100
2:10 / 368 km
So etwas hat es noch nicht gegeben: CFI-Start um 7:30 (in Worten: siebenuhrdreißig). Notwendig wurde diese Zeitplanung wegen der von den türkischen Behörden festgelegten Landezeit von 1100 in Hezarfen. Flexibilität sollte ein Kriterium der EU-Standards werden, denn eigentlich hätten wir schon am Freitag eintreffen können. Aber das ging schon gar nicht. Andererseits muss man anerkennen, dass Hezarfen kein Zollplatz ist, sondern extra für uns eingerichtet wurde, damit wir nicht in Istanbul International landen müssen. Bevor wir allerdings mit Airliner neidisch machender Pünktlichkeit um eben diese 11 Uhr landeten, flogen wir die griechische Küste entlang, überquerten Alexandroupoli (war mal als Landeplatz vorgesehen) und passierten bei GOLDO die Grenze. Im Grenzgebiet wird intensiv Reis angebaut. Als wir einige Kilometer später eine Ehrenrunde um Bülents Geburtsort drehten, seine Mutter schaut uns vom Balkon aus zu, meint er, dass die Ernte wohl gut werden wird. In Hezarfen treffen wir unseren Kontaktmann Hursit und auf einen großen Bahnhof: Presse, Fernsehen (media first), Bürgermeister und eine Volkstanzgruppe von Jungen und Mädchen des hiesigen Gymnasiums, die uns filmend, redend, singend und tanzend empfangen.Viele weitere Gäste genießen mit uns das Büffet und einen kleinen Umtrunk. Der geplante Rundflug verzögert sich so lange, dass wir, als wir gerade in die Maschinen steigen wollen, wegen des aufziehenden Gewitters, das lassen und das Unternehmen auf den nächsten Tag verschieben.
Aufgeregtheit verursacht das bedeutsame Vorgehen einiger Beamter. Zuerst einmal sollen 100 $ je Flugzeug für irgendetwas gezahlt werden. Wofür genau, ist nicht so recht in Erfahrung zu bringen. Dann werden unsere Papiere kopiert: PPL (aber nicht das Medical), Versicherungsnachweis, Zulassung. Auskunft geben kann niemand. Es gibt auch keine Quittung für die 100$, die wird vielleicht in Aussicht gestellt. Dieses behördliche Vorgehen ist schon befremdlich – die AIS-Unterlagen lieferten keinen Aufschluss – und steht in kaum aushaltbarem Widerspruch zu der sonstigen Gastfreundlichkeit, die wir auf der ganzen Strecke erleben durften.
Wir fahren mit dem Bus nach Istanbul, geben schnell das Gepäck im Hotel Monaco ab und erlaufen uns die Stadt. Es gelingt uns, noch einige Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, bevor sie geschlossen werden. Abends fahren wir in das Fischrestaurant Old Fisherman, um all you can zu eaten und zu drinken, was wir auch alle getreulich tun.
Was noch geschehen ist:
Der Sherpa Pemba Dorji ist in der neuen Rekordzeit von acht Stunden und zehn Minuten auf den Mount Everest geklettert (Ausgangshöhe 5300 m).
Neuer Rekord auch in den USA: Der Verteidigungs(!)haushalt beträgt jetzt 422 Milliarden Dollar.
Charles Aznavour feiert seinen 80. Geburtstag.
Sonntag, der 23.5.2004
Hezarfen 1135 Ankara 1620
Ankara 1410 Nevsehir 1805
2:35 / 510 km (Rundflug Göreme)
1:45 / 300 km
Der Busfahrer bringt uns zuerst zum Atatürk International, was uns sehr bauchpinselt, aber dann fliegen wir doch mit unseren eigenen Flugzeugen. Begleitet werden wir von einem Kamerateam in einer C 172, das unseren Flug dokumentiert und uns
mehrfach behilflich ist. Im Formationsflug umrunden wir Istanbul, leider ist die Sicht nicht so klar, fliegen den Bosporus
nach Süden
entlang, überqueren den Ostteil des Marmarameeres und treffen östlich von Yalova
auf die Küste. Das ist jetzt Asien. Am Nordufer des Iznik Gölü geht es auf Kurs
nach Ankara , und wir steigen in das Hochland von Anatolien ein, die Berge
erheben sich bis auf 1600 m. In der Thermik lassen sich gut Höhen von 8 bis10000
Fuß erreichen, die Sicht hat sich kontinuierlich gebessert, und das Hochland
breitet sich beeindruckend vor uns aus. Die Landung in Ankara ist problemlos,
vom Kurs kommend drehen wir in den Gegenanflug zur 21 und dürfen eine lange
Landung üben. Die Dichtehöhe hält sich in Grenzen, Esenboga liegt 3125 Fuß hoch.
Bis auf ein, zwei Schauer ereignet sich auf dem Flug über Kappadokien wenig,
viele, neu gebaute Stauseen, viel bewässertes Grün, kaum besiedelt, die Orte
liegen weit auseinander. Bevor wir in Nevsehir landen, umfliegen wir das Gebiet
von Göreme, Avanos im Norden, Ürgüp im Osten und Mustafapascha im Süden. Morgen
werden wir uns die Täler mit ihren Tuffpyramiden und Höhlem amschauen.
Eine der vielen Überraschungen ist unser Hotel in Ürgüp, es heißt Selcuklu Evi. Der Besitzer Halil Elalan hat lange in Paris gelebt, um dann hier seinen Traum zu verwirklichen. Es ist auch wirklich ein Traum geworden, „a blend of past und present“ verspricht sein Prospekt. Am Rande des Ortes sind einige kleinere Gebäude zu einem Komplex zusammengefasst, jedes Zimmer ist anders ausgestattet und gestaltet, alles im Stil der Gegend, winklige Treppen geben überraschende Einblicke und Durchgänge frei. Im Innenhof lädt ein loggiaartiges, offenes Gewölbe zum Nachdenken ein, gefördert wird dies von zwei seitlich angebrachten „Wasser“-Hähnen, aus dem einen zapft man roten, aus dem anderen weißen Wein. Aber jetzt die Hochkulturschublade. Die Landschaft ist im Tertiär (50 Mio. Jahre) entstanden, gewaltige Vulkane haben riesige Mengen von Lava in die Gegend verteilt, Zeit und Erosion haben daraus diese einzigartigen Tuffkegel geformt. Im 2. Jahrtausend siedelten Hethiter, dann die Assyrer, gefolgt von Phrygern und Kappadoken. 17 n. Christus wurde die Gegend römisch, und die ersten Christengemeinden wurden gegründet. Viele Flüchtlinge fanden sich ein und bauten nicht nur oberirdisch ihre Wohnungen in den weichen Tuff, sondern regelrechte Troglodytenstädte, bis zu acht Stockwerke tief in den Boden.
Was sonst noch geschehen ist:
Horst Köhler wird zum Bundespräsidenten gewählt.
Prinz Felipe und Letitia Ortiz finden hoffentlich in Madrid die Leichtigkeit des Seins, will sagen: Sie heiraten.
Die Eintracht verliert und steigt ab.
Montag, der 24.5.2004
Alles das, was wir gestern überflogen haben, und noch vieles mehr besichtigen wir heute, kenntnisreich geführt von einem Lehrer, der dafür beurlaubt ist.
Was sonst noch geschehen ist:
In Cannes wird Michael Moore, der amerikanische Dokumentarfilmer, mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.
Mainz 05 steigt auf.
Präsident Bush ist vom Fahrrad gefallen.
Dienstag, der 25.5.2004
Nevsehir 1045 Isparta 1635
Isparta 1325 Izmir 1855
2:40 / 437 km 2:20 / 314 km
Ab heute geht es rückwärts vorwärts. Wir wackeln mit den Flächen, verabschieden uns von diesem Erd- und Kulturwunder, grüßen auch den schneebedeckten Erdas Dagi (1982 m) im Süden und nehmen Kurs auf Isparta. Von Süden soll eine Störung angreifen und von der Westküste eine Okklusion auf unseren Kurs drehen. Wir haben Alternativen vorbereitet, aber zuerst überqueren wir auf gut 80 km Breite den Salzsee Tuz Gölü, den zweitgrößten See der Türkei, zwei Meter tief. Suleyman Demirel hat sich einen Flughafen gleichen Namens an der Westspitze des Burdur Gölü gebaut. Uns braucht der innenpolitische Skandal nicht zu interessieren, deswegen landen wir einfach. Nicht einfach ist das Tanken. Ein Tankwagen hatte Sprit an einer Tankstelle außerhalb gebunkert. Da sich leider irgendjemand verrechnet hat, muss er das ganze noch einmal machen, das zieht sich . Dazu kommt, dass es keinen Schlauch an dem Tankwagen gibt, dafür zwei Eimer und zwei Trichter. Es muss nun ein bisschen gerechnet werden. In der Zwischenzeit werden wir freundlich mit Blumen, Küsschen und Reden empfangen. Diesmal sind auch Fahnen dabei. Um alle und das schöne neue Gebäude aufs Bild zu kriegen, steigt Murat von Top Air, unserer Begleit Airline, auf die Fläche der Cessna und photographiert mit 30 Kameras – nacheinander. Mit milder Verspätung setzen wir unseren Flug nach Westen fort, überfliegen die Sinterterrassen von Pamukkale und das Theater von Hierapolis. Leider war es uns nicht möglich, den Zoll zu bewegen, nach Efes zu kommen, das wäre ein wunderbarer und äußerst stressfreier Landeplatz gewesen. Die Behörden bestehen auf Izmir.
Deswegen überfliegen wir die Stadtanlage des antiken Ephesos, drehen nach Norden, um auf Adnan Menderes zu landen, ahnungslos der ärgerlichsten Erfahrung des ganzen Fluges entgegen fliegend. Nach dem Abstellen geht es schon los. Die Fahrt vom Vorfeld zur Tür des Eingangsgebäudes, geschätzte 58 Meter, soll pro Fahrt 60 Dollar kosten. Wir lehnen dankend ab und wollen zu Fuß gehen, wohlgemerkt, nicht über das Vorfeld, sondern jenseits der gelben Linie. Das ist aber nicht möglich. Unser Zwergenaufstand drückt den Preis auf 0 Dollar. Es wird sich herausstellen, dass die Gebührenpolitik dieser Blauanzughandlingleute äußerst verwegen ist. Mit dem Bus fahren wir zu unserem Hotel an der Küste, eine Ferienanlage mit Armbändchen.
Was sonst noch geschehen ist:
Der Ölpreis steigt kräftig, nämlich in London auf 38.20.
Fluglotsen stimmen für Arbeitskampf.
Rentner sind die Hoffnung der Kantinenbetreiber.
Mittwoch, der 26.5.2004
Heute besichtigen wir bei bestem Wetter das antike Ephesos. Geführt werden wir von einem ausgezeichnet deutsch sprechenden Kunsthistoriker, in Deutschland ausgebildet, der jetzt ein Reiseunternehmen führt und nur noch ausnahmsweise Reisegruppen. Er hat auch ein Buch über Ephesos geschrieben, auf das er schelmisch hinweist. Das antike Theater fasste 24000 Zuschauer, man rechnet etwa das Zehnfache als Einwohner der ganzen Stadt. Nicht ganz so viele stehen und rennen um uns herum und lassen sich auch führen. Es brodelt gewaltig. Ob die Türkei ein Japan-Problem hat? Man sieht hier nämlich keine. Was nicht im Reiseführer steht: Ein halber Liter Wasser kostet 50 Cent, einmal pinkeln ebenso.Ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis, das für die ganze Anlage gilt. Es gibt viel zu sehen, und alles ist so lebendig, bis auf die Steine. An einem Stand entdecken wir die langgesuchten Sticker mit dem Nationalemblem der Türkei. An der Artemissäule nicht weit weg, oben brüten Störche, gibt es botanische Nachhilfe von Heike: Wir bestimmen einen Granatapfelbaum, Pinien, Ölweiden, Maulbeerbäume und ordinären Oleander.Anschließend sind wir vom Gouverneur von Selcuk zu einem Imbiss mit Umtrunk und kleiner Rede eingeladen. Das findet in einer mall-artigen Manufaktur verschiedener Handwerksbetriebe statt. Oberhalb von Ephesos liegt in den Bergen das „Hässliche Dorf“. Es heißt so, weil es besonders schön ist. Die Camouflage hat nichts genutzt, die Bewohner haben es wohl auch selbst verraten. Inzwischen soll es ein bisschen Drosselgassen-Charakter haben. Das ist auch so, es ist aber immer noch schön und dörflich. D.h., die Häuser sind renoviert, die Geschäfte vielzahlig, ebenso die Restaurants, alles ziemlich leise. Mustafa Kemal Pascha steht in Gold auf dem Dorfplatz und guckt in die richtige Richtung. Wir finden ganz oben ein kleines Restaurant mit Segeltuch bespannter Terrasse und Weinausschank. Hier lässt sich's aushalten. Es liegen etwa zehn Einladungen vor, Zeit (und Lust) dafür haben wir nicht. Eine Teppichknüpferei müssen wir höflichkeitshalber besuchen. Imbiss, Umtrunk, kleine Rede, Vorführung mit fliegendem Teppich (der Vorführer wirft den Teppich, ihn in Rotation versetzt habend, in die Luft) und Standardwitz: Dies ist ein deutscher Teppich. Woher kommt er? Aus Antalya. Abmarsch zum Hotel. Dort ordern Patrick, Eva, Peter und Bülent einen Leihwagen. Sie wollen die Maschinen tanken, weil wir morgen sehr früh weg müssen, und Fragen um die Ausreise klären. Sie kommen um Mitternacht ziemlich geschafft zurück. Was sie erlebt haben, wäre einen eigenen Bericht wert. Hier die Kürzestfassung mit meinem Kenntnisstand:
Gegen 16 Uhr kommen die vier am Flughafen an und werden mit einer Gebührenforderung von mehreren hundert Dollar für jedes Flugzeug für jeden Flugabschnitt konfrontiert. Dies steht nicht in Übereinstimmung mit dem AIC 01 vom Januar 2004, das wir haben und in dem Flieger wie wir von jeglicher Gebühr befreit sind. Dieser Sachstand lässt sich aber nicht vermitteln. Die Verhandlungen dauern vier Stunden, in denen die Forderungen von 27 auf 3 auf 0 Dollar sinken. Dazwischen Telefonate mit Ankara. Bei diesen Verhandlungen hat sich Bülent große Verdienste um die CFI-Truppe erworben. Danke. Außerdem sollen wir im Inlandsterminal abgefertigt werden. Nachdem das erledigt war, konnten die vier die Maschinen tanken. Wir wollen aber auch nicht undankbar sein, der Sprit ist sehr günstig.
Was sonst noch geschehen ist:
George Tabori, Theaterkönig, feiert in Berlin seinen neunzigsten Geburtstag.
Alice Schwarzer gewinnt in einer jauchentnervenden, das Publikum begeisternden Prominenten-Spezial-Wer-wird-Millionär-Sendung 125000 Euro.
SPD und Union „im Grundsatz“ einig über ein Einwanderungsgesetz
Donnerstag, der 27.5.2004
Izmir 1045 Samos 1330 Ikaros 1825
Samos 1125 Ikaros 1550 Korfu 2025
40' / 100 km 2:20 / 390 km 2:00 / 330 km
Um 8:40 stehen wir vor dem Inlandsgebäude. Nach Pass- und Waffenkontrolle stellt sich heraus, dass wir doch zum internationalen Teil müssen. Dort dasselbe Spielchen noch einmal. Bei der Passkontrolle für das Vorfeld geht zuerst gar nichts. Sieben Grenzer oder Polizisten sind nicht informiert. Welche company wir denn wären? CFI. Nie gehört. Patrick kommt auf die Idee das Titelbild der Zeitung Millyet hochzuhalten. Ganz dick wird da nämlich über unsere Tour berichtet. Ach so, ja dann. Jetzt kommt Bewegung in die Sache und uns, kurz darauf sind wir schon auf dem Weg nach Samos, allerdings nicht direkt. Wir müssen zuerst 40 km auf das Meer hinaus, alles gut bewacht vom Küstenschutz, zum Meldepunkt REDRA, dann dürfen wir mit SO-Kurs nach Samos, wo wir bei kernigem Seitenwind (25') landen und Zoll machen. Leider wird unsere nächste Route nicht angenommen. Wir wollen über die Inseln im Süden, da wird allerdings gerade militärisch geübt., so dass wir von Samos an die SW-Spitze von Chios fliegen, von da bei unschönem Wind über den Süden von Euböa nach Ikaros, etwa 40 km westlich von Chalkis. Ikaros ist der neue Heimatplatz von Nikolas, unserem griechischen Freund. Er wartet auch schon auf uns mit ausreichend Sprit. Leider haben wir schon zu viel Zeit verloren, als dass mehr als eine herzliche Begrüßung möglich wäre. Das Vorfeld und die Wege sind für so viele Maschinen etwas ungünstig angelegt, so dass viel rangiert werden muss. Von Ikaros fliegen wir mit W-Kurs am Parnass und an Delfi vorbei und halten auf Ithaka zu. Vorher drehen wir am Thrikonischen See auf NW-Kurs, an Preveza vorbei, um mit der Landung in Kerkira nur knapp den Wettlauf mit der Sonne zu gewinnen: Wer ist eher unten?
Um 2130 stehen wir vorm Terminal, die Maschinen sind verzurrt, leider nicht getankt. Wie heißt das Bier im Flughafen? Genau, Mythos. Die Rollbahn entlang (außerhalb) laufen wir zum Hotel, das genau am Ende steht. Das anschließende Essen (gut) endet unschön (Geld). Ein deutsch sprechender Künstler, wie er mehrfach betont, dient/ drängt sich als Übersetzer und Berater an/auf. Am Ende steht viel mehr auf den Tischen als gewollt und bestellt und will bezahlt werden. Die Nacht ist heiß, das Zimmer klein, das Fenster öffnenbar.
Was sonst noch geschehen ist:
Der französische Premierminister Raffarin ist gegen einen christlichen Bezug in der EU-Verfassung.
Die Grünen fühlen sich von der großen Einwanderungskoalition ausgeschlossen.
Die Wiener Philharmoniker spielen erstmals im Park, vor 90000 Zuschauern.
Freitag, der 28.5.2004
Korfu 1530
Lavello 1800
2:30 / 412 km
Vom Hotel kann man gut in die Stadt laufen, an der Küste entlang zur Festung. Ein Gang durch die Stadt zeigt: Sie ist schön und schön teuer. Überall wird gebastelt, die Häuser renoviert, die Gassen geplättelt, vom Feinsten (Wasser 3Euro). Fast lassen wir uns etwas zuviel Zeit. Wir wollen ja nur nach Lavello. Vorher erwarten uns aber einige aufregende, wenn auch hochverzichtbare Abenteuer mit korfuianischen Sicherheitsleuten.
Wir wollen also, geführt von einem hilfsbereiten jungen Mann von AIS durch die Kontrollen. Das scheitert schon mal daran, dass gestern der Ausweis des jungen Mannes abgelaufen ist. Zwar kennen sich Sicherheitsmann und AIS-Mann, was hilft's?. Nix, er darf uns nicht aufs Vorfeld begleiten. Also wieder zurück. Dann trifft seine Nachfolgerin ein. Bei der zweiten Waffenkontrolle wird allerdings bei einem von uns ein Multitool mit Klinge entdeckt. So etwas braucht man als RF-Flieger. Sofort werden wir verdächtigt, den 11. September verschuldet zu haben. Nichts geht mehr. Alle wieder zurück, und das im dichtesten Gedrängel der anderen Urlauber, die nach Birmingham und sonstwo wollen. Unser Freund weigert sich, sein Messer abzugeben. Es dauert ewig, bis die sofort vorgeschlagene Lösung gefunden wird. Das Fräuleinsche von AIS verwahrt das Objekt und gibt es am Flugzeug wieder zurück. Eigentlich ist auch das illegal, man könnte ja noch über griechischem Boden terroristisch aktiv werden. Leider zieht sich auch das Tanken hin, keine Fahrer, so dass wir erst spät in die Luft kommen. Der Flug ist angenehm, die Küste Italiens schon von weitem zu erkennen. Wir dürfen nicht in Otranto die Küste treffen, sondern müssen über dem Meer nach Norden abbiegen, da auch hier im Wasser geübt wird. In Bari legen wir in 1000 Fuß ein Midfield-Crossing im Verband hin, was den Controller hörbar freut, um kurz darauf – nur ein kleiner Schauer steht im Weg – in Lavello zu landen. Der Wind frisch mit 10 kt, wie üblich von der Seite. Das brauchen wir.
Dass wir in Bari nicht vom Himmel geschossen und zur Landung gezwungen wurden, um 50 Euro zu zahlen, das ist eine eigene Geschichte.Unseren italienischen Freunden ist es gelungen, Bari und Rom zu vermitteln, was Schengen bedeutet und dass wir da jetzt alle drin sind. Das muss eine Heidenmühe gemacht haben.
In Lavello stehen inzwischen Betten bereit, leider keine Tankstelle, so dass das Benzin in Kanistern beigeschafft werden muss. Signorina Rosa ist auch schon bei der Arbeit: der 1. Gang Rigatoni, der 2. Gang Risotto Frutta di mare mit Zuccini, der 3. Gang Gratin mit Gulasch/Pizzaiola und Würstchen – inzwischen setzt draußen ein heftiger Regen ein – der 4. Gang Tomaten mit Oregano und Basilikum, der 5. Gang Käse Cacciocavale mucca (?), der Rückwärtsgang: Der Wein ist alle. Trotzdem strebt der Abend seinem unbeschreiblichen (deshalb lassen wir das auch) Höhepunkt zu, indem Günther ein mittelunanständiges Spiel vorschlägt und auch die Durchführung souverän leitet. Bevor der Abend im ganz Anderen (Horkheimer) untergeht, kommt es, angeregt von unseren vielfältigen Erfahrungen, zu einem kreativen Gebührenerfindungsschub: Ländereintritts-, Begrüßungs-, Honoratiorenbereitstellungs-, Towerverweil-, Spritanlieferungs-, Schlauchrausziehundreinsteck-, Erdungskabelanklemm-, Spritfließ-, Zählerstandablese-, Kunststoffkanisterverweigerungs-, Direktorenvermehrungsgebühr.
Was sonst noch geschehen ist:
Die Nationalelf schägt Malta 7 : 0.
Der Schulbuchverleger Klett spricht sich für die bewährte Rechtschreibung aus.
Metin Kaplan, der „Kalif von Köln“, ist verschwunden und kann nicht abgeschoben werden.
Samstag, der 29.5.2004
Lavello 1215 Sabaudia 1550 Massa 1940
Sabaudia 1410 Massa 1845 Cremona 2030
1:55 / 355 km 2:55 / 430 km 50' / 140 km

Bis gegen halb 6 hat es geregnet, die Startbahn ist nass, aber nicht tief, die Wolken hängen schwer vom Himmel, ab und zu ein Fleckchen blau. Heute soll uns das Wetter zum ersten und einzigen Mal richtig ärgern. In Foligno wollten wir uns mit den italienischen Freunden treffen, aber die Ostküste ist nicht fliegbar. Wir müssen es über Neapel und Rom versuchen. Massa ist ohne Stop nicht zu erreichen. Die Schwierigkeit ist, in der richtigen Entfernung einen Platz mit Sprit zu finden. Es gibt genug Plätze, allerdings haben die keinen Sprit oder sie dürfen nichts abgeben. Wir können auch niemanden erreichen, der für uns Sprit besorgt. Dazu kommt das schlechte Wetter, wir müssen Alternativen bereit halten. Um Rom ist die Luftraumstruktur auch nicht einfach. So zieht sich der Vormittag mit Informationsbeschaffung und Planung hin. Tatsächlich wird die erste Stunde in den Apenninen schwierig, Gewitter und schwerer Regen, mäßige Sichten, tiefe Untergrenzen. Die Autobahn nach Neapel ist hilfreich. Sabaudia, in der Mitte zwischen Neapel und Rom gelegen, ist ein kurzer Platz mit reichlich Bäumen und Sträuchern in An- und Abflug, direkt an der Küste, die Bahn parallel dazu. Der Wind weht, wie kann es anders sein, kräftig von See. Nach einem Überflug entscheiden sich einige, nach Siena zum Tanken zu fliegen. Die anderen landen. Der Wind wird für die Strecke ungünstig gegeben, so dass wir schon volltanken müssen. Am liebsten würden wir den Rasenmäher anwerfen. Jeder hat so seine Kurzstarttechnik, und alle sind erfolgreich. Der Wind wird dann doch nicht so schlimm. Schlimm ist der Durchflug durch Rom. Eigentlich ist es einfach, der veröffentlichten Transit-Route nachzufliegen. Aber der Funk! Als ob Dante seine Göttliche Komödie vortragen würde, Gerede ohn' Unterlass. So ist er, der Italiener, lieb, aber ein begnadeter Vielredner. In Massa tanken wir noch einmal und treffen italienische und französische Freunde, die auch nach Cremona wollen. Hinter Massa steigt der Apennin gleich wieder gewaltig an, wir überfliegen die Wunden der Berge bei Carrara und tauchen vor Parma in die Ebene der Emilia Romagna. Wir fliegen nach Norden, und von Westen wirft die schon tiefstehende Sonne ihre Strahlen in den Dunst des Po. Dieses Licht im Anflug auf Cremona, es ist schon nach acht, diese letzten 10, 15 Minuten, die Luft ist wie Seide, diese Minuten gehören mit zum Schönsten auf dieser Tour. Wir umrunden die Stadt in diesem Abendschein. Ob das jemand photographiert hat? Wie immer werden wir bestens in Cremona versorgt. Simone hilft uns, im Chaos nicht untergehend, sie ist eben deutsch-italienisch gestählt, beim Bestellen des Abendessens.
Was sonst noch geschehen ist:
Der Leipziger Maler Werner Tübke ist gestorben. Sein Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen gilt als die künstlerisch bedeutendste Hinterlassenschaft der DDR.
Erstmals seit 50 Jahren stehen wieder Pomeranzenbäumchen auf den Terrassen in Sanssouci. Friedrich II besaß einst bis zu tausend dieser Kübelpflanzen
Sonntag, der 30.5.2004
Cremona 1130 Leutkirch 1520
Leutkirch 1415 Worms 1640
2:45 / 400 km 1:20 / 235 km
Total: 40:15 h / etwa 6700 km / 503 l für 680 Euro
60 Euro Landegebühren
Einige haben in der Stadt übernachtet. Am Morgen führt uns der Vereinsvorsitzende kurz über den Marktplatz, leider ist die berühmte Geigensammlung noch nicht geöffnet, dafür gibt es eine mittelalterlich auftretende Tanz- und Spielgruppe zu bewundern.
Gegen Mittag verabschieden wir uns von den italienischen Freunden, Paolo hat wieder fleißig gepunktet, danke, und starten in den Dunst der Po-Ebene, ohne Sonder-VFR, weil das ja normal ist. Wenn der Kurs stimmt, muss einfach der Garda See auftauchen, was er auch zuverlässig tut, die Sicht wird besser, und wir steigen zu Riva hin, leider ist die Thermik noch nicht so hilfreich, sie wird erst bei Bozen kräftiger, dafür stehen sieben Sonnen am Himmel, die diese Alpenquerung zu einem unbeschwerten Genuss machen. Innsbruck wird in der erlaubten Höhe gekreuzt (ob der Kontrollör in Innsbruck auch weniger ruppig mit den Segelfliegern umgehen kann?), brav melden wir alle Garmisch, und dann wird die Höhe rasant bis Leutkirch abgebaut. Wir trinken noch eine Apfelschorle, beglückwünschen uns, heil hier angekommen zu sein, und fliegen auseinander. Bis vielleicht zum nächsten Mal.
Wir sind von einem Flug zurück, bei dem wir ein Land, die Türkei, sicher nicht kennengelernt haben. Was wir sagen können, für uns Sportpiloten ist die Türkei ein interessantes Land, gäbe es eine Infrastruktur, die unseren Bedürfnissen zumindest ansatzweise Rechnung trüge. Das Militär könnte das durchaus, weil es über entsprechende Einrichtungen und Kapazitäten verfügt. Es will aber nicht und kann vielleicht auch nicht. Wo auch immer Ressourcen sein mögen, es ist sehr schwer, darauf zuzugreifen. Bei einem Kontakt ist es auch nicht einfach herauszufinden, wer welche Interessen mit welchen Absichten verfolgt.
Seit Herbst konnte ich die Entwicklung von Patricks Planung verfolgen. Es lagen keinerlei Erfahrungen vor, die für uns übertragbar und hilfreich gewesen wären. Aber auch die entsprechenden Stellen in der Türkei haben keine Erfahrungen mit solchen Leuten wie uns. Um so erstaunlicher und erfreulicher ist die durchaus großzügige Regelung von Bedingungen und Verfahren, unter denen Sportflieger in der Türkei fliegen dürfen. Dass das nicht immer im eigenen Land bekannt ist, steht auf einem anderen Blatt. Dass Ankara sich letztlich durchsetzt, durften wir Gott sei dank erfahren.
Es ist nun Patrick gelungen, bei all diesen Unwägbarkeiten, eine Planung zu erstellen, die es ermöglichte, im Verein mit spontanen Entscheidungen in der Situation, diesen Flug geradezu reibungslos durchzuführen. Einerseits ist es die Planungsfähigkeit, andererseits das intuitiv glückliche Händchen, das diese Reisen immer wieder zu unvergesslichen Erlebnissen machen. Dafür danke ich Dir.
Lothar Kötter im Oktober 2004